Donnerstag, 12. Mai 2016

Birjusa, 10. - 11.5.

Ankunft in Taischet 10:00 Ortszeit - mittlerweile sind's 6 Stunden Zeitverschiebung zu Österreich -, mein Gastgeber Schenja holt mich am Bahnsteig ab und wir fahren nach Birjusa, einem 300-Seelen-Dorf ca 7 km von Taischet.
Zuerst geht's über die “Autobahn“ Moskau-Wladiwostok, eine breite Straße in recht passablen Zustand, doch schon ein paar Meter nach Verlassen der Autobahn endet der Asphalt. Es ist ein typisches russisches Dorf, mit schlaglochübersäten Lehmstrassen, einigen wirklich sehr schönen, bunt gestrichenen Holzhäusern, vielen halbverfallenen Häuserruinen und wenigen Menschen. (u.a. zu diesem Thema übrigens wieder ein Buchtipp: “Last Man in Russia“)



Schenja stammt aus diesem Dorf, sein altes Elternhaus ist nun die Datscha seiner eigenen Familie. Dh hier werden im Frühling/Sommer Kartoffeln und Gemüse angebaut, und letzteres in rauhen Mengen eingemacht (so wie auch die vielen selbstgesammelten Pilze und Beeren aus dem Wald) - dies stellt eine Hauptquelle der Lebensmittel für die Familie für das ganze Jahr dar.
Das Haus ist sehr einfach, Plumpsklo im hinteren Teil des Hofs, kein Fließwasser. In der Küche steht aber eine Pumpe, mit der Wasser aus dem eigenen 20m tiefen Brunnen gefördert wird.
Schenja zeigt mir gleich Fotos von seiner Familie und von der Taiga - das ist ein richtiger Natur-Freak! U.a. folgen ein Video von einem von ihm selbst erlegten Braunbären (... dessen Fell im Hof am Durchgang zum Klo hängt) und eines über die Ureinwohner in der Taiga. Zu Mittag kommen Schenjas Frau und die kleine Tochter Milana, es gibt Mittagessen.
Am Nachmittag Führung durchs Dorf mit einer ehemaligen Lehrerin mit sehr gutem Englisch.
Da es sehr kalt ist, gehen wir zwischendrin zum Aufwärmen in einen der beiden Tante-Emma-Läden des Dorfs, die Regale sind zwar halbleer, aber dafür stehen etliche Alpla-Flaschen da!!! :-)


Abendessen: (natürlich selbstgemachtes!) Kartoffelpüree mit eingelegtem Gemüse und Eierschwammerl, sensationell gut! Und dazu Wodka, der aus Birkenwasser selbstgebrannt wurde.
Danach folgt die typisch russische Banja: im Nebengebäude ist das “Bad“, ein Raum mit einer kleinen Wasserwanne, einem 2-stufigen Holztisch und .... dem Saunaofen!!

Und während ich es mir in der warmen Dampfstube gut gehen lasse, beginnt es draussen zu schneien - richtig kitschig, wie bestellt!


Am zweiten Tag geht's auf einen Ausflug in die Taiga, und zwar mit einem UAZ. Ein sensationelles Fahrzeug, soweit ich verstanden habe ein russisches (Armee)fahrzeug aus den 60er Jahren, im konkreten Fall hier als Pickup-Ausführung, das Interieur auf das Allernotwendigste reduziert, aber geländegängig ohne Ende!

Endlich bin ich wieder mal richtig in der Natur, das hat mir echt schon schwer gefehlt!



Picknick am Fluss, und dann gibt's noch frisch “gezapftes“ Birkenwasser. So eine Birke gibt am Tag angeblich bis zu 4 Liter Saft!


Am Abend geht's dann wieder mit dem Nachtzug weiter bis Irkutsk.
Am Bahnhof in Taischet treffe ich ein Schweizer Pärchen - für mich die ersten Deutsch sprechenden Menschen seit knapp drei Wochen!!! :-) :-)

Mittwoch, 11. Mai 2016

In der Transsib von Jekaterinburg nach Taischet (8.5.-10.5.)

Am Sonntag Mittag Ortszeit (10:00 Moskau Zeit) fährt mein Zug ab Richtung Osten, 43 Stunden bzw 2505km (und 3 Zeitzonen) sind es bis Taischet.
Eine sehr entspannte Zeit: herrlich - man kann den ganzen Tag im Bett liegenbleiben, lesen, essen, Tee trinken und einfach nur aus dem Fenster schauen: die ewig gleiche Taiga sieht in unterschiedlichem Tageslicht doch immer wieder anders aus. Zwischen den Birkenwäldern sind's nun auch immer wieder endlos weite flache bzw ganz  leicht hügelige Steppenlandschaften, und viiiel Wasser - die Schneeschmelze ist in vollem Gange, in Nordsibirien hat's laut meinen Abteilgenossen noch -20 Grad, da kommt also noch einiges wenn es jetzt dann wärmer wird.






Die Bahnstrecke ist jedenfalls eine tiefbauliche Meisterleistung: durch diesen Sumpf hier (der vermutlich die andere Hälfte des Jahres bockhart gefroren ist) eine derart befestigte Bahnstrecke zu bauen, die ja seit 100 Jahren perfekt funktioniert! (ok, an die Einzelschicksale während dieses Baus darf man natürlich auch nicht denken...)

Fotografieren aus dem Zug wird übrigens leider aufgrund der aussen ziemlich schmutzigen Scheiben mit der Zeit eher sinnlos ;-)


Für Abwechslung sorgen zwischendrin kurze Einkaufstrips an den Bahnhöfen
bzw auch Frauen, die im Waggon durchgehen um Stricksachen und Piroschki zu verkaufen. Fast a bissl wie irgendwo am Strand - nur weit weniger aufdringlich ;-)

Und ich hab bisher großes Glück mit meinen Abteilgenossen, die sich alle mit einer Engelsgeduld (trotz Sprachbarriere) mit mir unterhalten und von sich, ihrer Familie und von Russland erzählen, und immer auch wissen wollen, was wir Europäer von Russland denken. Für mich natürlich perfekt, um jeden Tag ein bisschen mehr zu erfahren und Russisch zu lernen.

Die Idylle endet dann leider jäh, als ca um Mitternacht Ortszeit eine Gruppe von bereit sehr vom Wodka gezeichneten Männern einsteigt, zwei davon leider auch in meinem Abteil... Wenn da nicht der mir bereits bekannte Polizeikommandant im Abteil gewesen wäre, hätte ich mich fast a bissl gefürchtet... und obwohl die Typen schon starken “Seegang“ haben, wird noch mal eine Wodkaflasche ausgepackt, bis die resolute Provodnitsa kommt und dem Ganzen energisch ein Ende bereitet :-)

Als ich aufwache (Ortszeit ca 8 Uhr) wird jedenfalls gleich wieder becherweise (grooooße Becher!!) Wodka gefrühstückt,
zum Glück steig ich dann gleich mal in Taischet aus.

Tobolsk 7.5.

Am 6.5. abends geht's mit dem Nachtzug von Jekaterinburg nach Tobolsk, der alten Hauptstadt Sibiriens.

Es ist ein kalter grauer Morgen, die 2 Grad bei leichtem Schneefall fühlen sich nach den frühsommerlichen Temperaturen der letzten 10 Tage wie -10 an... Und vor 10:00 hat kein Cafe offen...

Dafür gibt dann der Kreml (sprich: die Burg) einiges her - die Highlights für mich:
- der Glockenturm, auf dem jeder seine eigenen Kreationen spielen kann (also gibt's hier ständig Glockenläuten ;-) ),



die Hauptkirche mit den blauen und goldenen Zwiebeltürmen,

das sehr interessante Museum zur Geschichte Sibiriens,







und last but not least: ein richtig gemütliches Cafe/Restaurant (кофейна) mit wieder einmal ausgezeichneter Küche, genau recht an so einem trüben, kalten Tag! :-)

Am Abend dann wieder mit dem Nachtzug zurück nach Jekaterinburg.

Freitag, 6. Mai 2016

Jekaterinburg 4.5. - 6.5.

Jetzt bin ich also endlich in Asien!
Nach Jekaterinburg wollte ich ja eigentlich hauptsächlich wegen der Geschichte mit der Auslöschung der letzten Zarenfamilie. Ich kann mich noch ganz lebhaft an einen Film darüber erinnern, den ich mit meinem Papa, dem alten Geschichte-Freak, vor zig Jahren angesehen habe, und hierher wollte ich mal.

So und jetzt präsentiert sich mir Jekaterinburg als “mein New York Sibiriens“! Hinsichtlich Wetter ist das Glück auch auf meiner Seite. Auf der Aussichtsplattform am 53.Stock des Vysotsky Business Center gibt's eine sensationelle Aussicht auf die Stadt und den Ural am Horizont - so, jetzt liegt also Europa im wahrsten Sinne des Wortes hinter mir!





Dann zur Church on the Blood, der Kirche, die Ende der 90er Jahre an jener Stelle errichtet wurde, an dem das Haus stand, in dem die Romanov-Familie 1918 so grausam exekutiert wurde.



Am nächsten Tag nochmal “Heimweh abstreifen“ an der Grenze zwischen Europa und Asien.

Und dann ein kleiner Ausflug aufs Land, nach bzw zu “Ganina Jama“, wo die letzten Überreste der Zarenfamilie verscharrt wurden und in den 2000er Jahren ein Männerkloster gegründet wurde.

Hier sind die Regeln für weibliche Besucherinnen nochmal strenger: Kopftuch sowieso, und noch dazu eine bodenlange Schürze sind Vorschrift!

Es ist jedenfalls ein sehr schöner, ruhiger Ort mitten in den Birkenwäldern - für jedes ermordete Mitglied der Zarenfamilie wurde hier eine Kapelle errichtet.

Nach meiner abenteuerlichen Anreise per Regionalzug und Wanderung durch den Birkenwald frag ich nun den Wach-Mönch, ob es hier einen Bus oder Taxi zurück nach Jekaterinburg gibt. Der Mann Gottes scheint es aber für unnötig zu halten, DAFÜR Geld auszugeben. Also fragt er jeden, der vorbeikommt, ob er/sie nach Jekaterinburg fährt und die sich aus Österreich hierher Verirrte mitnehmen kann, und siehe da: es findet sich Marysa mit ihrer kleinen Tochter! :-) Und für mich wieder eine willkommene Möglichkeit, mit meinem Anfänger-Russisch die Lyudi a bissl kennen zu lernen!

Im Konzert in Jekaterinburg - 5.5.

Nachdem ich vom 53. Stock des Vysotsky Business Center aus die wunderbare Aussicht genossen habe schlendere ich zum Oper- und Ballett-Theater, und nachdem ich beim Bolshoi-Theater in Moskau kein Glück hatte, schau ich halt hier mal. Und ja: es gibt heute Abend ein Konzert, mit einer Symphonie von Schostakovitsch und einem “Russischen Requiem“ von Tschaikowsky. Die günstigste Karte kostet 200 Rub, also bei 2,66 EUR kann man im schlimmsten Fall auch wieder aufstehen und gehen ;-)

Also bin ich um 18:30 in der bestmöglichen “1er Panier“ wieder da.



Jetzt sehe ich mir auch das Biljet genauer an: "дню победы посвящается"  - aaaaha! dem Tag des Sieges gewidmet! Schon wieder der hier allgegenwärtige Sieg (“Povedy“) - na ja, ist ja auch erst 71 Jahre her... ;-)



... oder doch nicht so lang???? Ich erschrecke mich schon ziemlich, als neben mir plötzlich zwei baumhohe Männer in Uniform der Roten Armee Platz nehmen. was ist denn jetzt bitte Sache???? schon a bissl schaurig: ich als Deutschsprechende maus-allein mitten in einem siegfeiernden Russland!!! ...und wie zum Teufel schaff ich es jetzt, die Typen neben mir unbemerkt zu fotografieren!?!? ;-)


Aber es klärt sich bald - in der Pause gibt's eine Vorführung wie die Russen Deutschland besiegt haben:

Na ja, aber wie wir wissen war es nicht ganz allein damit, und ganz allein waren sie ja auch nicht ;-)
Obwohl: DER Herr hier war wahrscheinlich wirklich dabei und trägt heute noch stolz seine Abzeichen!


Das Konzert selbst war jedenfalls sehr gut, eher schwere heroische Kost, aber auf jeden Fall die 200 Rub wert :-)